Der Medienkontinentaldrift ist wie die Evolution
Ich war das Wochenende in einem kleinen Kurzurlaub. Mit der besseren Hälfte ein paar Tage an der Ostsee, komplett offline.
Und nun sitze ich hier vor den ausgepackten Koffern, klappe das MacBook auf und freue mich wie ein kleines Kind beim ersten Kontakt mit dem Internet. So ein Moment ist es, den es sich einzufangen und zu ehren lohnt. Denn das Internet, meine Feedreader und Foren waren für mich das Wochenende weiterhin aktiv. Ich habe keine Sekunde verpasst, obwohl ich mir eine Auszeit gegönnt habe.
Eat this, old, old media! Eat this, neuer Rundfunkvertrag. Beflügelt von Bens großen Worten macht so ein Moment wieder einmal schlagartig die Schönheit des ganzen Netzes aus. Ich bin der Herr im Hause, ich suche mir meine Nachrichten und Unterhaltung zusammen, und ich verdammt nochmal bestimme meinen eigenen Konsum. Da kann ich über Überlegungen der Politik nur lachen. In ein paar Jahren gehört uns die ganze Welt!
Kaum höre ich Fußball im Radio, schon kriegen die Deutschen auf den Sack. Ich entschuldige mich hier mit bei der ganzen Nation. Sorry.
Will you bite the hand that feeds you?
Am Sonntag wurde in den Kommunen in Schleswig-Holstein gewählt. Das Endergebnis ist beeindruckend, wie ich finde.
Die Linke erreichte aus dem Stand heraus 6,9%, die FDP glatte neun und die Grünen kommen auf 10,3%. Die kleinen Parteien konnten alle dazu gewinnen, Respekt.
Die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD sind dagegen vorbildlich auf die Schnauze geflogen. Die CDU verlor zweistellig und erreichte nur 38,6% der Stimmen, die SPD bleibt im Umfragekeller mit sensationellen 26,6%.
Stärkste Kraft im Land sind allerdings die Nichtwähler, die einen historischen Erfolg von 50,5% für sich verbuchen konnten (Quelle: SpiegelOnline).
Wirklich erstaunlich. Hier oben sind eindeutige Tendenzen zu erkennen: Die Leute haben die Schnauze voll von Populismus und strafen ihn erheblich ab. Nur jeder zweite hielt es überhaupt für nötig zur Urne zu gehen oder seine Stimme einem Vertreter zu übergeben. Das ist definitiv ein Zeichen der Zeit, welches aber gewohnt routiniert von den Anzügen dieser Nation ignoriert wird (Ralf Stegner, Landesvorsitzender der SPD).
Was die CDU macht ist mir schon immer egal gewesen, aber auch die SPD schafft es in meinen Augen immer besser, sich lächerlich zu machen. Um auch nur irgendwie positiv in den Schlagzeilen zu stehen und im Idealfall sagen zu können: “Dit is’ unsere!” schicken sie nun Gesine Schwan ins Rennen um das Bundespräsidentenamt. Die Frau mag vielleicht nicht ungeeignet für das Amt sein, das möchte ich gar nicht anzweifeln, doch der ganze Akt schreit nach blindem Aktionismus. Unser amtierender Bundespräsident Horst Köhler ist in der Bevölkerung beliebt und macht seine Sache durchaus gut. Natürlich ist es nicht verboten, ja sogar förderlich in einer Demokratie die Wahl zwischen Kandidaten zu haben, aber warum sonst entscheidet man sich in der SPD nun zu diesem Schritt?
Was will man damit erreichen, außer dem Koalitionspartner ans Bein zu pissen, irgendwie in den Schlagzeilen zu stehen und vorzutäuschen, dass man einen Plan von irgendwas hätte. Hat man offensichtlich in der SPD aber nicht, und so agiert man munter weiter an der Bevölkerung und ihrem Willen vorbei.
Und was hat das Eine nun mit dem Anderen zu tun? Zunächst erstaunlich, wie schnell man nach der Kommunalwahl dazu bereit war, Frau Schwan tatsächlich ins Rennen zu schicken. Gar nicht erstaunlich das Kalkül dahinter: Munter ablenken vom desaströsen Wahlergebnis, sich ja nicht mit Konsequenzen beschäftigen. Logisch, sonst würde man die Leute ja wieder an die Urnen bekommen…
The stars in your eyes light up the sky, with thoughts, light and fire and sound
Schlagzeilen werden immer falscher
Ich möchte heute mal ein kleines Experiment wagen. Spielen wir doch zusammen mal Stefan Niggemeier. Ich weiß, keine leichte Aufgabe.
Heute überflog ich die Schlagzeile der Husumer Nachrichten, einer Regionalzeitung. Die Überschrift rief mir entgegen “Jugendliche werden immer gewalttätiger”. Gestern hatte ich bereits in den Nachrichten von der Vorstellung der neuen Kriminalstatistik gehört. Von einem Anstieg der Zahl der Gewalttaten durch Jugendliche war gestern noch die Rede.
Interessant, wie sich nun also aus einer nüchternen Statistik gleich eine allgemein gültige Aussage treffen lässt, die so in ihrer Form schlicht nicht der Wahrheit entspricht. So steht es selbst dann ja auch im Artikel:
“Die Gewaltbereitschaft jugendlicher Krimineller steigt weiter an.”
Aha? Jugendliche Kriminelle sind es nun also. In der Überschrift fehlt aber der Zusatz “Kriminelle”. Somit wird suggeriert, dass Jugendliche per se gewalttätig sind, und diese Gewalttätigkeit in ihrer Heftigkeit nun zugenommen hätte. Dieses gibt die Statistik, ja selbst der Artikel darüber, gar nicht her.
Interessant aber auch, dass es sich bei der Nachricht um eine dpa-Meldung zu handeln scheint, also gar nicht einmal das Werk der Husumer Nachrichten sein muss.







