Es war die beste Zeit, und zugleich die schlimmste

Früher war das Netz wohl ein abenteuerlicher Ort. Aus Erzählungen stellte ich mir stets einen technisch beschränkten Ort vor, dessen Kommunikationsmittel das Usenet und Mailinglisten waren. Dessen Bewohner spätere Experten wurden, dessen damalige Geistesblitze in der Dotcom-Blase grandios scheiterten. Kurzum: Ein Ort voller Pioniergeist, ein Ort voller Gründerstimmung, ein Ort voller Enthusiasten. Ein schöner Ort.

Dann kam das Web 2.0 und wir begannen das Netz in Massen zu bevölkern, in Massen zu benutzen, wir machten es zu unserem Ort. Unsere Werkzeuge waren Blogs und Wikis, wir haben uns Podcats aus dem Netz geladen, wir transportierten das Mitmachnetz in unseren Hosentaschen. Ein Massenphänomen. Ein Ort voller Vielfalt, ein Ort voller kleiner, leiser Schönheit, ein lauter Ort. Manche nannten diesen Ort Arbeit, anderen vertrödelten einfach nur Zeit. Aber es war ein Ort, den jeder selbst für sich und die Allgemeinheit schaffte. Es war unser Netz.

Doch dann geschah ein Wandel. Wir begannen unser Netz der Inkompetenz zu opfern. Es bildete sich eine Generation, die diesen Ort nicht verstand, aber kontrollieren wollte. Man nahm uns erst unsere Anonymität, dann unsere Gesichter, schließlich unsere Identität und schlussendlich all unsere Daten. Der Mut zur Gewagtheit blieb aus. Wir ließen uns unterwandern, wir bemerkten so vieles einfach nicht. Eine kleine Gruppe gab uns eine Stimme und diesem Zeitgeschehen einen Namen: Stasi 2.0. Wir ließen uns unsere Privatsphäre nehmen, obwohl wir sie doch Stück für Stück für Stück für Stück bereits der Öffenlichkeit präsentierten. Das, was wir einst für uns schufen, begannen nun alle zu nutzen.
Aus einem kleinen Kreis wurde viel zu schnell alle.
Einige versuchten sich zu organisieren, sie wollten nicht klanglos in einer Masse verschwinden. Doch diese Masse war bereits viel zu beschäftigt, man begnügte sich mit gruscheln und wühlte stattdessen lieber in der Vergangenheit des zukünftigen Arbeitnehmers.

Es war ein dunkler Moment.

Dies war das Web 3.0

4 Responses

  1. Sehr schöne Geschichte und nett geschrieben…
    Dem Ganzen ist wohl nichts hinzuzufügen.

    Grüße,
    Oliver

    Oliver Sinz - 18. Dezember, 2007 at 13:36
  2. Mir gefällt dein Schreibweise. Und ob man’s mir glaubt oder nicht, habe diesen Blog erst heute entdeckt. Dabei stelle ich fest, dass mein Über Anitz ähnlich aufgebaut ist, wie dein it’s a nagi… obwohl meine nicht so gut ist wie deine!
    Nun ja, du schreibst besser wie ich, ich werde sicher hier viel lernen!

    anitz - 18. Dezember, 2007 at 16:22
  3. Dankeschön :)

    izanagi - 18. Dezember, 2007 at 16:40
  4. Besser kann man es nicht ausdrücken!

    Das Internet wurde Opfer der Geldgeilen Menschheit genauso wie es mit allem getrieben wird, den Menschen wird vorgegaukelt sie würden etwas ganz dringend brauchen und es würde ihr Leben hundert mal einfacher machen wenn sie es besitzen oder nutzen würden und dennoch nur wieder ein weiterer Streich der Werbe und Wirtschsaftsindustrie…

    welcher Politiker macht sich noch wirklich gedanken um die Menschen und sorgt sich nicht nur darum wie er die Politik beeinflussen könnte um die Firmen von denen sie noch gehälter kassieren irgendwelche vorteile zu verschaffen…

    werde diesen Text so oft es geht verlinken!

    Danke für die inspiration…

    Ithurts - 2. Februar, 2008 at 10:37

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